Was fressen Schildkröten?
Der große Futterguide
Von der Landschildkröte bis zur Wasserschildkröte – die richtige Ernährung ist der entscheidende Faktor für ein langes, gesundes Leben Ihrer Tiere. Hier erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen.
Schildkröten zählen zu den faszinierendsten Reptilien, die in menschlicher Obhut gehalten werden – und gleichzeitig zu jenen Tieren, bei denen Ernährungsfehler besonders häufig vorkommen. Zu viel Obst, zu wenig Rohfaser, falsche Proteinquellen oder ein ungünstiges Calcium-Phosphor-Verhältnis: Kleine Ungenauigkeiten können sich über Monate und Jahre in Wachstumsstörungen, Panzerdeformationen oder Organschäden niederschlagen. Dieser Futterguide der Wormm-Redaktion gibt Ihnen einen fundierten Überblick über die Ernährungsbedürfnisse der beliebtesten Schildkrötenarten – praxisnah und wissenschaftlich abgesichert.
Bevor wir in die Details gehen, ein wichtiger Grundsatz: Jede Schildkrötenart hat spezifische Anforderungen. Was für eine Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) ideal ist, kann für eine Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) unzureichend sein. Bitte konsultieren Sie bei Unsicherheiten oder gesundheitlichen Auffälligkeiten stets einen auf Reptilien spezialisierten Tierarzt.
Die drei Ernährungstypen: Pflanzenfresser, Allesfresser, Fleischfresser
Die über 300 Schildkrötenarten lassen sich grob in drei Ernährungsgruppen einteilen. Diese Einteilung ist der erste und wichtigste Schritt zur artgerechten Versorgung:
- Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni)
- Maurische Landschildkröte (Testudo graeca)
- Vierzehenschildkröte (Testudo horsfieldii)
- Ernährung: > 80 % Wildkräuter & Gräser
- Tierisches Protein: kaum bis gar nicht
- Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta)
- Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)
- Ernährung: Pflanzen + tierisches Protein
- Jungtiere proteinbetonter, Adulte pflanzenreicher
- Getrocknete Mehlwürmerlarven als ideale Proteinquelle
Rein carnivore Schildkröten – wie bestimmte Weichschildkröten – sind in der Heimtierhaltung selten. Für die meisten Halterinnen und Halter sind die herbivoren Landschildkröten und die omnivoren Wasserschildkröten die relevanten Gruppen.
Landschildkröten richtig ernähren: Wildkräuter statt Obst
Der häufigste Fehler bei der Fütterung von Landschildkröten ist ein zu hoher Obst- und Gemüseanteil aus dem Supermarkt. Kulturobst enthält viel Zucker, zu wenig Rohfaser und ein ungünstiges Calcium-Phosphor-Verhältnis. Landschildkröten stammen aus kargen, mediterranen oder steppenartigen Lebensräumen – ihr Verdauungssystem ist auf faserreiche, nährstoffarme Wildpflanzen ausgerichtet.
- Wildkräuter: Löwenzahn, Spitzwegerich, Breitwegerich, Gänsedistel, Vogelmiere, Malve, Wiesensalbei
- Gräser & Kräuter: Timotee-Gras, Wiesenschwingel, frischer Heu-Mix
- Zugelassen in Maßen: Endivie, Feldsalat, Rucola, Zucchiniblüten
- Zu meiden: Tomaten, Bananen, Weintrauben, Spinat (Oxalate), Iceberg-Salat
Heu spielt eine oft unterschätzte Rolle: Es sichert die nötige Rohfaserzufuhr, fördert die Darmperistaltik und beschäftigt die Tiere. Sorgen Sie dafür, dass stets qualitativ hochwertiges Heu zur freien Verfügung steht.
„Eine artenreiche Wildkräuterwiese ist das beste Schildkröten-Freigehege-Buffet, das man sich vorstellen kann – und kostet kaum etwas.”
Calcium ist für den Aufbau und Erhalt des Knochenpanzers unentbehrlich. Streuen Sie gelegentlich Sepiaschulp-Pulver oder Calciumcarbonat über das Futter, und bieten Sie ein Stück Sepiaschulp zum freien Beknabbern an. Das Ca:P-Verhältnis im Futter sollte mindestens 2:1 betragen.
Wasserschildkröten: Tierisches Protein gezielt einsetzen
Omnivore Wasserschildkröten benötigen neben Wasserpflanzen auch regelmäßig tierisches Protein. Bei Jungtieren kann der Proteinanteil 35–40 % der Gesamtnahrung ausmachen; adulte Tiere verlagern ihre Ernährung zunehmend in Richtung Pflanzen. Eine artgerechte Proteinquelle, die in der Reptilienpflege zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind getrocknete Mehlwürmerlarven.
Getrocknete Larven der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens, kurz BSF) haben einen bemerkenswerten Nährwertprofi: Sie liefern rund 37–45 % hochwertiges Protein, enthalten Laurinsäure mit antimikrobieller Wirkung und weisen ein deutlich besseres Calcium-Phosphor-Verhältnis auf als klassische Mehlwürmer. Forschungsprojekte wie das IGF-Projekt InsectDry untersuchen gezielt, wie Trocknungsverfahren die Nährstoffdichte und Haltbarkeit von Mehlwürmerlarven optimieren – ein Thema, das auch für die Reptilienernährung zunehmend relevant wird.
- Getrocknete BSF-Larven (Hermetia illucens): hervorragendes Ca:P-Verhältnis, reich an Protein – ideal als Hauptproteinquelle
- Getrocknete Mehlwürmer: proteinreich, als Ergänzung sinnvoll; wegen höherem Fettgehalt in Maßen einsetzen
- Lebendfutter (gelegentlich): Regenwürmer, Wasserflöhe, kleine Garnelen – fördert natürliches Jagdverhalten
- Nicht empfohlen: rohes Fleisch aus dem Handel (Keimbelastung), fettes Seefischfilet als Hauptfutter
Wässern Sie getrocknete Mehlwürmerlarven vor der Fütterung kurz ein – das erleichtert die Aufnahme und verbessert die Verdaulichkeit. Wasserschildkröten fressen am liebsten direkt im Wasser; streuen Sie das Futter direkt in den Aquabereich des Terrariums.
Supplemente, Calcium & Vitamine: Was wirklich notwendig ist
Bei einer vielfältigen, überwiegend aus Frischpflanzen bestehenden Ernährung ist der Supplementierungsbedarf gering – aber nicht null. Folgende Punkte sollten Sie kennen:
- Calcium: 2–3 × wöchentlich als feines Pulver über das Futter stäuben (Calciumcarbonat oder Sepiaschulp)
- Vitamin D3: Nur ergänzen, wenn kein ausreichender Zugang zu natürlichem UV-B-Licht besteht; Überdosierung ist toxisch – Rücksprache mit dem Tierarzt empfohlen
- Multivitamin: 1 × pro Woche in moderater Dosierung; bei ausgewogener Ernährung oft nicht nötig
- Vitamin A: Vorsicht – Überdosierung führt zu Leberschäden; natürliche Quellen (z. B. Löwenzahn) bevorzugen
Die Auffangstation für Reptilien und Exoten betont in ihren Pflegeempfehlungen regelmäßig, dass falsch eingesetzte Supplemente häufig mehr Schaden anrichten als ein vorübergehender Mangel. Im Zweifel gilt: Lieber einmal weniger supplementieren und einen Fachtierарzt zu Rate ziehen.
Fütterungshäufigkeit & Saisonal: Winterruhe und Wachstumsphasen
Schildkröten sind wechselwarme Tiere – ihr Stoffwechsel und damit ihr Nahrungsbedarf sind stark temperaturabhängig. Bei Temperaturen unter 15 °C verlangsamt sich der Verdauungsapparat erheblich; Fütterungen wären dann kontraproduktiv.
Landschildkröten in Mitteleuropa halten bei naturnaher Haltung im Freigehege eine Winterruhe (Oktober–März). In dieser Zeit wird komplett auf Fütterung verzichtet. Vor der Einwinterung sollten die Tiere gut genährt, aber mit leerem Darm sein – die letzten Fütterungen sollten daher ca. 3–4 Wochen vor dem geplanten Einwinterungsdatum erfolgen.
Wasserschildkröten im beheizten Aquaterrarium ohne Winterruhe benötigen ganzjährig Futter, jedoch in reduzierten Mengen bei niedrigeren Temperaturen. Als Faustregel gilt: Füttern Sie adulte Landschildkröten täglich mit Frischpflanzen, adulte Wasserschildkröten 3–5 × pro Woche.
„Übergewicht ist bei Schildkröten ein ernstes, oft übersehenes Problem – maßvolle, saisonal angepasste Fütterung ist die beste Prophylaxe.”
Nachhaltigkeit & Zukunft: Mehlwürmerfutter im Fokus der Forschung
Getrocknetes Mehlwürmerfutter steht nicht nur ernährungsphysiologisch im Mittelpunkt des Interesses, sondern auch aus Nachhaltigkeitsperspektive. Die Produktion von BSF-Larven benötigt im Vergleich zu konventionellen Futtertieren einen Bruchteil an Fläche, Wasser und Energie. Forschungsprojekte an der TU München und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg untersuchen, wie Mehlwürmerproteine als nachhaltige Futterkomponente für Heimtiere – einschließlich Reptilien – optimiert und standardisiert werden können.
Das IGF-Projekt InsectDry befasst sich konkret mit der Optimierung von Trocknungsverfahren für Mehlwürmerlarven, um Nährstoffverluste zu minimieren und eine gleichbleibend hohe Produktqualität zu gewährleisten – ein Forschungsfeld, das für die tägliche Praxis in der Reptilienhaltung direkte Relevanz hat.
Wer zudem beim Kauf von Produkten auf Umweltleistungen achtet, findet beim Thema Aufforstung Anknüpfungspunkte: Trees for All engagiert sich für die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme – ein Ansatz, der auch den natürlichen Lebensräumen wildlebender Schildkröten zugute kommt.
Häufige Fehler & was Sie daraus lernen
Aus der langjährigen Praxis und den Erfahrungsberichten von Einrichtungen wie dem Haus der Igel und der Auffangstation für Reptilien und Exoten lassen sich typische Fehlerquellen benennen, die vielen Schildkrötenhalterinnen und -haltern gemein sind:
- Zu viel Obst: Hoher Zuckergehalt belastet Nieren und Darm, begünstigt Fehlgärungen
- Monodiät aus Salatblättern: Nährstoffarm, zu wenig Rohfaser, kein Calcium
- Überdosierung von Vitamin-Supplementen: Kann zu Hypervitaminose führen
- Fütterung bei zu niedrigen Temperaturen: Futter fault im Darm, Darmparasiten werden begünstigt
- Tierisches Protein für Landschildkröten: Führt zu Nierenschäden und Panzerdeformationen
- Fehlendes Trinkwasser: Schildkröten trinken – flache Wasserschale täglich anbieten
Wenn Sie Verhaltensauffälligkeiten, Appetitlosigkeit, ungewöhnlichen Kot oder Veränderungen am Panzer bemerken, zögern Sie nicht, einen Reptilien-Fachtierarzt aufzusuchen. Früherkennung ist bei Schildkröten besonders wichtig, da Symptome oft erst spät sichtbar werden.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen zu Ihrer Schildkröte wenden Sie sich bitte an einen auf Reptilien spezialisierten Tierarzt.
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