Greifvögel zählen zu den faszinierendsten Wildtieren Mitteleuropas. Ihr Leben dreht sich um die Jagd auf Säugetiere, Vögel, Fische oder Reptilien – je nach Art. Wer sich beruflich oder ehrenamtlich mit der Pflege von Greifvögeln beschäftigt, etwa in einer Wildtierauffangstation oder in der Falknerei, steht regelmäßig vor praktischen Fütterungsfragen. Eine davon lautet: Können getrocknete Mehlwürmer oder andere Mehlwürmerlarven sinnvoll eingesetzt werden? Dieser Ratgeber der Wormm-Redaktion klärt, was die Biologie der Tiere erlaubt, wo die Grenzen liegen und welche Rolle Mehlwürmerfutter in der Praxis spielen kann.


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Die Ernährungsbiologie von Greifvögeln im Überblick

Greifvögel (Ordnung Accipitriformes und Falconiformes) sowie Eulen (Strigiformes) sind obligate Karnivoren. Ihr gesamter Organismus – von der Schnabelform über den Magen-pH bis zum Verdauungssystem – ist auf die Verwertung ganzer Beute optimiert. Dabei nehmen sie nicht nur Muskelfleisch auf, sondern auch Fell, Federn, Knochen und Organe. Diese Gesamtheit der Beute liefert alle essenziellen Aminosäuren, Fette, Mineralstoffe (insbesondere Kalzium aus Knochen) sowie fettlösliche Vitamine wie A und D₃.

Arten wie der Mäusebussard oder die Schleiereule ernähren sich bevorzugt von Kleinsäugern. Wanderfalken schlagen vorwiegend Vögel im Flug. Fischadler sind nahezu vollständig auf Fisch spezialisiert. Diese enge Spezialisierung hat Konsequenzen: Eine Ernährung, die nicht dem natürlichen Beutespektrum entspricht, führt mittel- bis langfristig zu Mangelzuständen.

Wichtiger Hinweis zur Tiergesundheit

Ernährungsfragen bei Greifvögeln in Haltung, Pflege oder Rehabilitation sollten immer mit einem auf Wildtiere oder Vögel spezialisierten Tierarzt besprochen werden. Mangelernährung äußert sich bei Greifvögeln häufig erst spät und kann dann schwer reversibel sein.

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Mehlwürmer als Futtermittel: Was steckt drin?

Getrocknete Mehlwürmer (Tenebrio molitor) sind zunächst einmal ein hochwertiges tierisches Protein. Mit einem Rohproteingehalt von rund 53 % und einem Fettgehalt von etwa 28 % (Trockenmasse) liefern sie konzentrierte Energie und essenziell Aminosäuren. Forschungsprojekte wie das vom Institut für Getreideverarbeitung (IGF) geförderte Projekt InsectDry untersuchen systematisch die Trocknungsverfahren und Nährstoffprofile von Mehlwürmermehl – auch im Hinblick auf neue Anwendungsgebiete in der Tier- und Humanernährung.

Was getrocknete Mehlwürmer jedoch nicht liefern, ist entscheidend für die Bewertung ihrer Tauglichkeit als Greifvogelfutter: Sie enthalten kein Kalzium in nennenswerten Mengen, kaum Vitamin D₃ in aktiver Form, keine Federn oder Knochen als mechanische Magenspülung und kein vollständiges Fettsäureprofil, das dem natürlicher Beute entspricht.

~53 % Rohprotein (Trockenmasse)
<1 % Kalziumgehalt
28 % Rohfett (Trockenmasse)
3–5 % Chitin-Anteil
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Greifvögel in freier Wildbahn: Fressen sie Mehlwürmer?

Die Antwort ist differenzierter, als man zunächst annehmen würde. Einige Greifvogelarten nehmen in bestimmten Situationen tatsächlich Mehlwürmer zu sich. Turmfalken, die in der Regel auf Mäuse und größere Wirbellose spezialisiert sind, wurden bei der Jagd auf große Mehlwürmer wie Grashüpfer beobachtet – insbesondere in nahrungsarmen Perioden oder bei Jungvögeln. Schmarotzermilane und Gleitaare in wärmeren Klimazonen sind ebenfalls als opportunistische Mehlwürmerfresser bekannt.

Bei mitteleuropäischen Arten wie Mäusebussard, Sperber, Habicht, Wanderfalke oder den meisten Eulenarten spielen Mehlwürmer im normalen Energiehaushalt eines adulten Tieres hingegen eine vernachlässigbare Rolle. Der kalorische Beitrag wäre schlicht zu gering, um den hohen Energiebedarf dieser Tiere zu decken.

„Der Greifvogel ist kein Opportunist, der Mehlwürmerlarven als Mahlzeit einplant – er ist ein präziser Jäger, dessen Darmtrakt auf ganzheitliche Wirbeltierbeute optimiert ist.”

Wormm-Redaktion – Ernährungsbiologie Greifvögel
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Eignung im Vergleich: Mehlwürmer vs. artgerechte Beutegabe

Getrocknete Mehlwürmer

  • Hoher Proteingehalt (~53 %)
  • Lange lagerstabil, hygienisch
  • Kein Kalzium, kein D₃
  • Kein Chitin-Gewölle-Ersatz
  • Geeignet als temporäre Ergänzung in der Frühphase der Aufzucht (mit Beratung)
  • Kein Ersatz für vollständige Beutegabe

Artgerechte Ganzbeute

  • Knochen, Fell/Federn = Mineralstoffe + Gewöllbildung
  • Vollständiges Aminosäureprofil
  • Vitamin A, D₃ aus Organen
  • Natürliches Jagdverhalten wird stimuliert
  • Pflichtgrundlage für adulte Tiere
  • Unverzichtbar für Rehabilitation & Auswilderung
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Wann können Mehlwürmer dennoch sinnvoll sein?

In sehr eng definierten Situationen können getrocknete Mehlwürmer oder BSF-Larven (Hermetia illucens) für Greifvögel eine ergänzende Funktion erfüllen. Das betrifft vor allem zwei Bereiche:

Handaufzucht von Nestlingen: Sehr junge Greifvögel, die in einer Auffangstation oder Pflegestelle von Hand aufgezogen werden, benötigen häufig leicht verdauliche Proteinquellen in den ersten Lebenstagen. Hier kann zerkleinerte Mehlwürmernahrung als Beimischung zu Fleischbrei eingesetzt werden – stets jedoch nur unter tierärztlicher Aufsicht und als Teil eines abgestimmten Aufzuchtprotokolls. Einrichtungen wie die Auffangstation für Reptilien und Exoten in München, die auch mit wildtierkundlichen Fragen vertraut ist, sowie das Haus der Igel als erfahrene Wildtierpflegeorganisation empfehlen stets, solche Ergänzungen in professionelle Betreuungspläne einzubinden.

Trainings- und Konditionierungshilfen in der Falknerei: In der Falknerei werden gelegentlich kleine Mengen getrockneter Mehlwürmer genutzt, um Trainingsreize zu setzen oder um die Motivation eines Vogels während kurzer Konditionierungssessions aufrechtzuerhalten. Dies setzt jedoch voraus, dass die Grundversorgung mit artgerechter Ganzbeute zu 100 % sichergestellt ist. Mehlwürmer wären hier allenfalls ein kleines Zusatzangebot, nicht Teil der regulären Mahlzeitplanung.

Aktuelle Forschungsvorhaben zu Mehlwürmerproteinen, etwa an der TU München oder der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, widmen sich der Frage, wie Mehlwürmermehl und -ganztier in der Tierernährung eingesetzt werden können – jedoch liegt der Fokus bisher auf Nutztieren, Haustieren und Aquakultur, nicht auf Greifvögeln als Zielgruppe.

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BSF-Larven als Alternative: Ein kurzer Vergleich

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens, BSF) unterscheiden sich von Mehlwürmern in einem wichtigen Punkt: Ihr Kalziumgehalt ist deutlich höher, besonders wenn sie auf kalziumreichem Substrat aufgezogen wurden. Getrocknete BSF-Larven können je nach Aufzuchtmethode einen Ca:P-Quotienten aufweisen, der sich der natürlichen Beute annähert. Dies macht sie theoretisch interessanter als Ergänzungsfutter für karnivore Tiere.

Dennoch gilt auch hier: Ein adulter Greifvogel, der auf artgerechte Ganzbeute angewiesen ist, wird durch BSF-Larven allein nicht ausreichend versorgt. Sie können, wenn überhaupt, nur als marginale Proteinergänzung dienen – und dies ebenfalls nur nach tierärztlicher Absprache.

Praxishinweis: Wildvogel-Auffangstationen

Wer einen verletzten Greifvogel findet, sollte diesen unverzüglich einer zertifizierten Wildtier-Auffangstation oder einem Tierarzt übergeben. Die eigenmächtige Fütterung – auch mit gut gemeintem Mehlwürmerfutter – kann den Genesungsprozess gefährden. Notfallkontakte findet man über lokale Veterinärämter oder Naturschutzverbände.

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Fazit: Klarheit statt Kompromiss

Getrocknete Mehlwürmer und BSF-Larven sind hervorragende Futtermittel – für die Tiere, für die sie evolutionär passen: Singvögel, Igel, Reptilien und bestimmte Heimtiere profitieren erheblich von ihrem Proteingehalt. Für Greifvögel hingegen sind sie kein Hauptfutter und kein vollwertiger Nahrungsbestandteil.

Als hochspezialisierte Raubtiere sind Falken, Adler und Eulen auf die gesamte biologische Komplexität ihrer natürlichen Beute angewiesen. Wer Greifvögel pflegt, hält oder rehabilitiert, sollte Mehlwürmerfutter allenfalls als ergänzendes Element in einem professionell begleiteten Ernährungsplan verstehen – niemals als Ersatz.

Für die klassischen Zielgruppen von Wormm-Produkten – Wildvögel am Garten-Futterplatz, Igel, Reptilien und Kleinsäuger-Mehlwürmerfresser – sind getrocknete Mehlwürmer hingegen erste Wahl. Hier entfalten sie ihren vollen Mehrwert: als proteinreiches, lagerstabiles und hygienisch einwandfreies Naturfutter.

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