Ratgeber · Herbst & Winterschlaf
Igel im Herbst richtig füttern: Warum Fette und Mehlwürmer jetzt so wichtig sind
Wenn die Tage kürzer werden, läuft für Igel die Uhr. Wer jetzt die richtigen Nährstoffe anbietet, kann einen Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Warum der Herbst für Igel zur Überlebensfrage wird
Igel sind Mehlwürmerfresser – und genau das macht den Herbst zum riskantesten Abschnitt ihres Jahres. Mit den ersten Nachtfrösten verschwinden Käfer, Regenwürmer und andere Wirbellose zunehmend aus dem Speiseplan. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf rapide: Der Körper muss in wenigen Wochen ausreichend Fettdepots anlegen, um fünf bis sechs Monate Winterschlaf zu überstehen. Wer diesen Wettlauf verliert, wacht im Frühjahr schlicht nicht mehr auf.
Nach Erkenntnissen der Wildtierforschung benötigen Igel ein Körpergewicht von mindestens 500 bis 700 Gramm, bevor sie sicher in den Winterschlaf gehen können. Tiere, die diesen Schwellenwert verfehlen – häufig Jungtiere des zweiten Wurfes, die erst im September oder Oktober zur Welt kamen –, sind besonders gefährdet. Das „Haus der Igel” (hausderigel.de), ein spezialisiertes Informationsnetzwerk für Igelschutz, empfiehlt daher ausdrücklich, leichte Tiere im Herbst aktiv zu unterstützen.
Doch nicht nur das Gewicht zählt: Es kommt auf die Art der Fettreserven an. Braunfettgewebe, das für die Thermogenese im Winterschlaf entscheidend ist, kann der Igel-Organismus bevorzugt aus tierischen Fetten und hochwertigen Proteinen synthetisieren – Nährstoffe, die in Mehlwürmer in idealer Kombination vorliegen.
Getrocknete Mehlwürmer: Das natürlichste Herbstfutter
Getrocknete Mehlwürmer sind kein Nischenprodukt – sie sind die konsequente Weiterentwicklung dessen, was Igel seit Millionen von Jahren fressen. Zwei Arten haben sich in der Praxis besonders bewährt:
Getrocknete Mehlwürmer
- ca. 28–30 % Rohfett (Trockengewicht)
- ca. 50–55 % Rohprotein
- Hohe Akzeptanz bei Igeln
- Ideal als energiedichter Herbst-Snack
- Lange haltbar, einfach zu dosieren
BSF-Larven (Hermetia illucens)
- ca. 40–50 % Rohprotein
- Hoher Calciumgehalt für Knochen
- Günstiges Omega-Fettsäure-Profil
- Besonders nachhaltig produziert
- Ergänzt Mehlwürmer ideal
Die Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens, BSF) hat in den vergangenen Jahren als Futterinsekt stark an Bedeutung gewonnen. Forschungsprojekte – darunter das IGF-Projekt InsectDry sowie Arbeiten der TU München im Bereich nachhaltige Tierernährung – belegen, dass getrocknete BSF-Larven ein besonders ausgewogenes Amino- und Fettsäureprofil aufweisen und sich damit als ergänzendes Herbstfutter für Wildtiere hervorragend eignen.
Für Igel empfiehlt sich eine Kombination beider Mehlwürmerarten: Mehlwürmer liefern die rasch verfügbare Energie für den Fettaufbau, BSF-Larven ergänzen das Profil durch Calcium und einen ausgewogeneren Proteinanteil. Geben Sie täglich eine kleine Handvoll (5–10 g) an einem geschützten, regenfesten Platz an – idealerweise in einem flachen Tonschälchen, das sich der Igel nicht als Falle empfindet.
„Ein Igel, der im Oktober noch unter 400 Gramm wiegt, braucht dringend Unterstützung – nicht nur beim Futter, sondern auch beim Tierarzt.”
Wormm-Redaktion – basierend auf Empfehlungen von IgelschutzorganisationenWas Igel keinesfalls bekommen sollten
So gut es gemeint ist: Falsch gefütterter Igel schadet mehr als gar kein Futter. Der Volksmund greift hier leider oft daneben. Milch ist das klassische Beispiel: Igel sind laktoseintolerant, Milchprodukte führen zu Durchfall und können den geschwächten Tieren im Herbst ernsthaft schaden. Auch Brot bietet kaum Nährstoffe und verdirbt rasch.
Was Sie auf keinen Fall anbieten sollten
- Milch und Milchprodukte (Laktoseintoleranz)
- Brot, Zwieback, Getreideflocken (kaum Nährwert, fördert Fehlgärung)
- Rohes Fleisch vom Supermarkt (Keimbelastung, falsches Fettsäureprofil)
- Salz- oder gewürztes Futter jeder Art
- Nüsse und Rosinen (für Igel ungeeignet)
- Fischfutter oder süße Snacks
Geeignet als Ergänzung neben getrockneten Mehlwürmer ist hochwertiges, getreidefreies Katzenfutter aus der Dose – am besten auf Wildvögel- oder Wildbasis, ohne Soße. Die Auffangstation für Reptilien und Exoten sowie spezialisierte Igelstationen wie das Haus der Igel bestätigen diese Empfehlung regelmäßig in ihrer Pflegepraxis.
Wann und wie füttern – praktische Hinweise
Igel sind Dämmerungs- und Nachttiere. Die beste Zeit zum Aufstellen der Futterschale liegt kurz nach Einbruch der Dämmerung. Am nächsten Morgen sollten Reste konsequent entfernt werden, da altes Futter Parasiten und andere Wildtiere anzieht, die für Igel zur Konkurrenz oder sogar zur Gefahr werden können.
Ein Igelhaus oder ein umgekippter Blumentopf mit Eingang schützt die Futterstelle vor Regen und ungebetenen Gästen. Platzieren Sie die Schale so, dass der Igel sie gut ansteuern kann, sie jedoch für größere Tiere schwer zugänglich ist. Wasser – stets frisch und in einer flachen Schale – sollte ganzjährig bereitstehen; im Herbst ist ausreichend Trinkwasser besonders wichtig, da die trockene Luft und der erhöhte Stoffwechsel beim Fettaufbau den Flüssigkeitsbedarf steigern.
Beobachten Sie die Tiere möglichst aus der Distanz. Ein Igel, der tagsüber aktiv ist, taumelt oder sich in der Mitte des Gartens aufhält, signalisiert Hilfebedürftigkeit. In solchen Fällen empfiehlt die Wormm-Redaktion dringend, einen Tierarzt oder eine lokale Igelschutzstation zu kontaktieren – getrocknete Mehlwürmer allein können dann nicht helfen.
Nachhaltig helfen – Igel und Umwelt im Blick
Wer Igel füttert, trägt Verantwortung – auch für die Umwelt. Getrocknete Mehlwürmer punkten hier mehrfach: Ihre Produktion benötigt im Vergleich zu konventionellen tierischen Proteinen erheblich weniger Fläche, Wasser und Energie. Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg hat in interdisziplinären Projekten zur Mehlwürmerproduktion herausgearbeitet, wie sich Effizienz und Nachhaltigkeit kombinieren lassen – Erkenntnisse, die auch für die kommerzielle Produktion von Mehlwürmerfutter relevant sind.
Wormm unterstützt zudem das Aufforstungsprojekt Trees for All, das für jeden Einkauf Bäume pflanzt und so aktiv zur Lebensraumverbesserung für Wildtiere beiträgt. Denn der beste Schutz für Igel bleibt langfristig ein vielfältiger, naturnaher Garten mit Totholzecken, Laubhaufen und insektenfreundlichen Pflanzen – die Zufütterung ist nur ein Teil des Puzzles.
Das EigenArt Katzenhaus arbeitet eng mit der lokalen Igelpflege zusammen und weist regelmäßig darauf hin, wie wichtig artgerechtes Futter im Übergangsbereich zwischen Heim- und Wildtierpflege ist. Ein vernetzter Ansatz – Tierschutz, Forschung und informierte Tierfreunde – macht den Unterschied.
„Mehlwürmerfutter für Igel ist keine Modeerscheinung: Es ist die Rückkehr zu einer Nahrungsquelle, die diese Tiere seit Jahrmillionen kennen – nur jetzt gezielt eingesetzt, wenn die Natur es selbst nicht mehr hergibt.”
Wormm-RedaktionKurz zusammengefasst: Die wichtigsten Herbst-Regeln
Checkliste: Igelzufütterung im Herbst
- Ab September regelmäßig abends füttern
- Getrocknete Mehlwürmer und/oder BSF-Larven anbieten (5–10 g täglich)
- Optional: getreidefreies Katzenfutter (Dosen, ohne Soße)
- Immer frisches, flaches Trinkwasser bereitstellen
- Reste täglich morgens entfernen
- Tiere unter 500 g im Oktober: Tierarzt oder Igelstation kontaktieren
- Keine Milch, kein Brot, keine gewürzten Speisen
- Futterstelle vor Regen und Konkurrenten schützen
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