Wer an Speiseöle denkt, denkt zunächst an Oliven, Raps oder Sonnenblumen – kaum jemand an Mehlwürmerlarven. Doch Tenebrio molitor, die Larve des Mehlkäfers, enthält in getrocknetem Zustand bis zu 47 Prozent Fett. Dieses Fett wird zunehmend wissenschaftlich untersucht und technologisch erschlossen – als Futtermittelzusatz, als Rohstoff für Kosmetika und potenziell als Lebensmittelzutat. Die Wormm-Redaktion zeigt, wie der Weg vom lebenden Tier bis zum fertigen Öl aussieht, welche Verfahren dabei angewendet werden und warum Schonend-Gewinnung einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität hat.

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Die Ausgangssubstanz: Warum die Mehlwurmlarve so fettreich ist

Tenebrio molitor durchläuft eine vollständige Metamorphose: Ei, Larve, Puppe, Käfer. Die eigentliche Fettspeicherphase liegt in der Larvalphase, die je nach Fütterung und Temperatur mehrere Wochen bis Monate andauert. Die Larve speichert Energie vorwiegend als Lipide im Fettkörper – einem Gewebe, das funktional der Leber und dem Fettgewebe höherer Tiere entspricht. Je reichhaltiger und stärkehaltiger die Futtergrundlage, desto höher der Lipidgehalt im fertigen Tier.

Das Fettsäureprofil ist bemerkenswert ausgewogen: Ölsäure (C18:1, einfach ungesättigt) dominiert mit über 50 Prozent, gefolgt von Linolsäure (C18:2, mehrfach ungesättigt) und Palmitinsäure (C16:0, gesättigt). Dieses Profil ähnelt in seiner Zusammensetzung teilweise demjenigen von Olivenöl, unterscheidet sich jedoch durch das Vorhandensein kleinerer Mengen an seltenen Fettsäuren wie Myristolein- und Palmitoleinsäure, die in pflanzlichen Ölen kaum vorkommen.

Forschungsstand

Das IGF-Projekt InsectDry sowie Arbeitsgruppen der TU München und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg forschen intensiv an der Lipidchemie von Mehlwürmerrohstoffen und deren schonender Weiterverarbeitung. Die Erkenntnisse fließen zunehmend in industrielle Prozessstandards ein.

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Vorverarbeitung: Trocknung als Grundlage jeder Ölgewinnung

Frische Larven enthalten je nach Haltungsbedingungen 55–65 Prozent Wasser. Dieser Wassergehalt muss vor jeder Ölgewinnung auf unter 5 Prozent abgesenkt werden – nicht nur, um Mikroorganismenwachstum zu verhindern, sondern auch weil Wasser die spätere Lipidextraktion erheblich erschwert und die Qualität des Öls beeinträchtigt.

Die schonendste und in der Praxis am weitesten verbreitete Methode ist die Heißlufttrocknung bei 60–75 °C. Temperaturen in diesem Bereich inaktivieren Enzyme und Pathogene zuverlässig, ohne die empfindlichen ungesättigten Fettsäuren durch Oxidation zu schädigen. Alternativ wird in der Forschung die Gefriertrocknung (Lyophilisation) eingesetzt, die besonders aromaschonend arbeitet und die Lipidstruktur nahezu vollständig erhält – aufgrund des hohen Energieaufwands aber bisher hauptsächlich in der Analytik und Wissenschaft Verwendung findet.

60–75 °C Schonende Trocknungstemperatur
< 5 % Ziel-Wassergehalt für Extraktion
~47 % Lipidgehalt (Trockengewicht)
3 Verfahren Kaltpressung · Extraktion · SCF
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Die Ölgewinnung: drei Verfahren im Vergleich

Aus getrockneten Mehlwurmlarven lässt sich Öl auf drei grundlegend verschiedene Arten gewinnen. Jedes Verfahren bringt eigene Vor- und Nachteile in Bezug auf Ausbeute, Qualität, Energieverbrauch und Eignung für verschiedene Verwendungszwecke mit sich.

Verfahren A
Kaltpressung (mechanisch)
  • Keine Lösungsmittel, rein mechanisch
  • Öltemperatur bleibt unter 40 °C
  • Geringere Ausbeute (60–70 % der Lipide)
  • Höhere Qualität, natürliche Begleitstoffe erhalten
  • Geeignet für Premium-Anwendungen
  • Rückstand (Presskuchen) proteinreich – nutzbares Nebenprodukt
Verfahren B
Lösungsmittelextraktion (Hexan)
  • Sehr hohe Ausbeute (bis 98 % der Lipide)
  • Lösungsmittelrückstände müssen destillativ entfernt werden
  • Industriell etabliert, kostengünstig
  • Geringere Produktqualität durch Hitze-/Lösungsmittelstress
  • Für Lebens- und Futtermittel strenge Grenzwerte
  • Verbreitet in der Großproduktion

Ein drittes Verfahren, das zunehmend Interesse auf sich zieht, ist die überkritische CO₂-Extraktion (Supercritical Fluid Extraction, SFE). Dabei wirkt CO₂ bei erhöhtem Druck (über 74 bar) und moderater Temperatur als Lösungsmittel – ohne jeglichen chemischen Rückstand im Endprodukt. Das Verfahren liefert ein besonders reines Öl mit hervorragendem Oxidationsschutz, ist jedoch apparativ aufwendig und derzeit primär in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie sowie in der Forschung etabliert.

„Die Qualität des Mehlwurmöls steht und fällt mit der Sorgfalt bei Trocknung und Extraktion – jeder Grad zu viel, jede Minute zu lang, hinterlässt Spuren im Fettsäureprofil.”

Wormm-Redaktion · Grundsatz der schonenden Verarbeitung
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Raffinierung oder Naturbelassen? Qualitätsstufen des Öls

Wie bei Olivenöl gibt es auch beim Mehlwurmöl verschiedene Qualitätsstufen. Das direkt aus der Kaltpressung gewonnene „native” Öl enthält neben Triglyceriden auch Phospholipide, Carotinoide, Tocopherole (Vitamin-E-Verbindungen) und weitere Begleitstoffe, die antioxidative Wirkung entfalten und das Öl stabilisieren. Es besitzt einen charakteristischen, leicht nussigen Eigengeruch.

Raffiniertes Mehlwurmöl wird durch Neutralisation (Entfernung freier Fettsäuren), Bleichung und Desodorierung weiterbehandelt. Dabei entstehen geruch- und farbneutrale Produkte mit längerer Haltbarkeit und höherer Hitzebeständigkeit – allerdings auf Kosten der natürlichen Begleitstoffe. Für viele Futtermittel- und industrielle Anwendungen ist diese Neutral-Qualität bevorzugt; für Premium-Anwendungen im Tiernahrungsbereich gilt das native Öl als wertvoller.

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Anwendungsfelder: Wohin geht das Mehlwurmöl?

Die größten Abnehmer für Mehlwurmöl sind derzeit die Aquakultur und die Tiernahrungsindustrie. Fischmehl und Fischöl stehen unter erheblichem Ressourcendruck; Mehlwürmeröle werden als teilweise Substitute geprüft und in einigen Ländern bereits zugelassen. Das günstige Fettsäureprofil – reich an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren – macht das Öl für diese Zwecke attraktiv.

Im Wildvogel- und Igelschutzbereich wird Mehlwurmöl als Energiequelle in speziellen Futtermischungen untersucht. Das „Haus der Igel” und andere Einrichtungen wie die Auffangstation für Reptilien und Exoten berichten von positiven Erfahrungen mit insektenbasierten Fettanteilen in Ergänzungsfuttermitteln, insbesondere in der Aufzucht und Rekonvaleszenz von Wildtieren. Eine abschließende wissenschaftliche Bewertung steht für verschiedene Tiergruppen noch aus – konsultieren Sie im Zweifelsfall stets einen Tierarzt.

Darüber hinaus rückt Mehlwurmöl als Kosmetik-Rohstoff in den Fokus: Sein hoher Ölsäuregehalt fördert die Hautpenetranz, und die natürlichen Tocopherole wirken hautschützend. Erste Formulierungen für Pflegeprodukte werden in Europa entwickelt, unterliegen aber dem Kosmetikrecht, das eine vollständige Sicherheitsbewertung verlangt.

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Nachhaltigkeit: Der ökologische Fußabdruck im Vergleich

Die Umweltbilanz der Mehlwurmöl-Gewinnung ist ein wesentlicher Treiber des wachsenden Interesses. Gegenüber konventionellen pflanzlichen Ölen wie Palmöl oder Sojaöl benötigt die Mehlwürmerproduktion pro Kilogramm Lipid bis zu zwölf Mal weniger Landfläche. Der Wasserverbrauch ist erheblich geringer, und Mehlwurmlarven können auf organischen Nebenprodukten gehalten werden – ein Ansatz, der in der EU-Futtermittelgesetzgebung allerdings enge Grenzen hat.

Wormm unterstützt durch die Partnerschaft mit Trees for All aktiv Aufforstungsprojekte, um auch im Bereich Mehlwürmerfutter-Versand zum Ausgleich von Emissionen beizutragen. Nachhaltige Rohstoffgewinnung und unternehmerische Verantwortung gehören für die Wormm-Redaktion zusammen.

Gleichwohl ist Mehlwurmöl kein Allheilmittel: Die Produktionskosten sind derzeit noch deutlich höher als bei pflanzlichen Konkurrenten, und die Skalierung der Produktion stellt die Branche vor technische Herausforderungen. Initiativen wie das IGF-Projekt InsectDry arbeiten daran, die Trocknungs- und Extraktionstechnologie effizienter und kostengünstiger zu gestalten, um industrielle Maßstäbe zu ermöglichen.

„Pro Kilogramm Öl braucht die Mehlwurmproduktion bis zu zwölf Mal weniger Landfläche als konventionelle Ölkulturen – ein Argument, das in Zeiten zunehmenden Flächendrucks kaum zu ignorieren ist.”

Wormm-Redaktion · Ressourceneffizienz
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Was bedeutet das für Käufer von getrocknetem Mehlwürmerfutter?

Als Verbraucher von getrocknetem Mehlwurmfutter – sei es für Wildvögel, Igel oder andere Tiere – profitieren Sie indirekt von den Erkenntnissen über den Fettgehalt der Larven. Der natürliche Lipidgehalt getrockneter Mehlwürmer sorgt für eine hohe Energiedichte (rund 550–570 kcal pro 100 g Trockenware) und macht das Futter zu einem besonders wertvollen Energieträger in der kalten Jahreszeit.

Die Trocknung bei schonenden Temperaturen – wie sie Wormm für seine getrockneten Mehlwürmer und BSF-Larven anwendet – erhält die Lipidstruktur weitestgehend und verhindert die Entstehung unerwünschter Oxidationsprodukte. Gute getrocknete Mehlwürmer sollten daher gleichmäßig hellbraun, nicht ranzigriechend und trocken (nicht klebrig) sein.

Hinweis zur Tiergesundheit

Mehlwürmerbasierte Futtermittel sind für viele Tierarten eine wertvolle Ergänzung, jedoch kein vollständiger Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Sollten bei Ihren Tieren Unverträglichkeiten oder Auffälligkeiten auftreten, konsultieren Sie bitte einen Tierarzt. Einrichtungen wie das EigenArt Katzenhaus und das Haus der Igel empfehlen stets, Futtermitteländerungen schrittweise einzuführen.